Sonntag, 21. Juni 2020

Buchrezension von Doris Kloimstein: Hans Bäck: Stahl, Seide, Sog & Druck.


Roman.- Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2020, ISBN 978-3-96145-876-9, 408 Seiten, 18,50.-€

Das Scheitern ist allen Idealisten gemeinsam – die Quintessenz des über vierhundert Seiten starken Romans von Hans Bäck. Wer davon überzeugt ist, dass Wirklichkeit, Wissen und Moral mit Denken und Erkenntnis ursächlich verbunden sind, der will sich dennoch an einen Strohhalm der Hoffnung klammern. Diesen Strohhalm der Hoffnung bekommt man am Ende geschenkt, wenn man die Lektüre durchgehalten hat. Der Autor macht es dem Leser, der Leserin, allerdings nicht leicht, weil er mit der Sprache sehr nüchtern hantiert, streckenweise die Handlung fast protokollarisch vorantreibt, der Text sich mitunter so sperrig liest wie der Titel.
Der Roman besteht aus zwei Teilen: Teil 1 Stahl und Seide, Teil 2 Sog und Druck und spannt einen Bogen von den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis in den Beginn des 21. Jahrhundert. Die Liebesgeschichte der Protagonisten Andreas Corman und Celia Fürstner ist eingebettet in österreichische Zeit-, ja Wirtschaftsgeschichte – mit Rückblenden ins k & k Altösterreich, wo Triest und Pula noch österreichisch waren. Das Liebespaar reist beruflich und privat in diese Gegend, ist ein Karrierepaar der österreichischen Nachkriegs- und Wiederaufbauleistungsgesellschaft, mustergültig im Hamsterrad des Erfolgs rennend. Alle anderen handelnden Personen sind wie geschaffen, um das Scheitern der beiden exemplarisch zeigen zu können. Andreas Corman könnte durchaus das Alter Ego des Autors sein, weil in seiner Biografie zu lesen ist, dass er gelernter Betriebswirt und Maschinenbauer ist. Eine Realfiktion könnte man den Roman nennen. Das Tal der Seidenfabrikanten im Piemont gibt es tatsächlich, wie die Schiffswerft bei Triest.
Wer nebenbei erfahren möchte, wie man Bleche rollt und schweißt, dass eine Harnstoffanlage einen übergroßen Kessel braucht, warum die Seidenraupe eine Raupe ist und unter Garantie kein Wurm, der möge sich durch die Seiten fressen, wie der sprichwörtliche Bücherwurm. Wer der sogenannten Babyboomer-Generation angehört und dem Bildungsbürgertum, wird sich immer wieder selber zu erkennen glauben, wenn da Heinrich Böll zitiert wird, wenn über Opernbesuche in Wien, München und Mailand erzählt wird, von Museumsbesuchen und der Kunststadt Basel berichtet, die Qualität italienischer Rotweine nebenher gepriesen wird, wenn auch Berg- und Gipfelromantik zum Geschehen gehört. Arbeitseifer, Stress, Managementfehlentscheidungen, Intrigen und die große Sehnsucht nach dem erfüllten Leben sind den Lesern aus eigener Erfahrung gegenwärtig, wie die Frage nach dem Wozu, die gerade dann hochploppt, wenn das Schicksal alles Plan- und Machbare mit einem Schlag ruiniert.
Es immer die Frage nach dem Sinn des Lebens, die jedermann nur zu gerne beiseiteschieben will, um lebenstauglich zu funktionieren. Ein Mensch ist aber ein Mensch und keine Maschine und der Sehnsucht nach dem erfüllten Leben ist nicht mit wirtschaftlichen Parametern beizukommen.
Hans Bäck hat beim Schreiben einen langen Atem bewiesen. Es ist der Atem des Lebens, wenn ein Mensch doch schon ein Stück in seiner Mitte ruht, zurückschauen kann, seiner eigenen Generation ganz menschenfreundlich den Spiegel vorhält und der Generation, die das Leben noch vor sich hat, „etwas“ mitgeben will. Ein Schriftsteller benennt dieses „etwas“ nicht explizit, er ist ja kein Lehrer mit pädagogischem Impetus, aber ein Mensch, der das Wesentliche zur Sprache bringt, von A wie „aufschreiben“, über B wie auch „bruchstückhaft“ zu C wie „Corman“ und „Celia“, weil jeder, jede von uns so ein C ist.

Doris Kloimstein

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