Freitag, 14. Dezember 2018

Adventskalender: 14. Dezember 2018


weihnachten 1979
von Manfred Kolb



blindlings findlings



im unwissenden gelände

zerwürfelt mit ängsten

umstellt von zeithöfen

eisartig, inslig.



wirf dich voraus

erblinde gewalten

vor dem dunkelgehn.



unerweckte flügel

werden mich suchen

meine belagerte hoffnung

blindlings findlings

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Adventskalender: 13. Dezember 2018



Der Junge und der Hund

frei nach der englischen Geschichte "Weathering the Storm" von Dan Clark,
in einer Bearbeitung von Jens-Robert Schulz, 2009
Lektorat durch die Schreibwerkstatt des Literaturkollegiums Potsdam unter der Leitung von Manfred Kolb
Die Hündin eines Ladenbesitzers in einer Kleinstadt hatte Mitte Oktober Junge bekommen. Es waren keine R
assehunde, mit denen man Geld machen konnte, sodass der Besitzer Markus Weining die zusätzlichen Mäuler schnell los werden wollte.
Als die Welpen knapp 10 Wochen alt waren, brachte er über der Tür zu seinem Laden ein Schild an. Darauf war zu lesen: Hundewelpen für das Weihnachtsfest zu verkaufen!

Ein Junge kam zufällig vorbei und sah das Schild. Da der Ladenbesitzer gerade an der Tür stand, fragte er ihn: "Was kosten die Welpen denn?" - "Zwischen 50 und 80 Euro, je nach Größe und Aussehen", sagte der Mann.
„Soll so ein Hund ein Weihnachtsgeschenk sein?“, fragte der Mann.
„Nein“, antwortete der Junge, „ich suche einen Hund für mich. Dann griff er in seine Hosentasche und holte der 5 Euro Scheine und Münzen heraus. "Ich habe nur 19 Euro und 37 Cents", sagte er, "auch wenn ich nicht genug Geld habe: darf ich mir die Welpen wenigstens mal anschauen?"

Der Ladenbesitzer nickte und pfiff nach seiner Hündin. Rasch kam sie angelaufen und fünf kleine Welpen stolperten tapsig hinter ihr her. Das war niedlich anzuschauen und dem Jungen ging das Herz auf. Doch dann sah er einen, der deutlich langsamer war als die anderen, der humpelte und im Wuchs zurückgeblieben war.
 "Was hat denn der Kleine da hinten?", fragte der Junge.
 "Der hat einen Geburtsfehler und wird nie richtig laufen können", antwortete der Mann.
"Den möchte ich haben!", sagte der Junge.
Der Ladenbesitzer wunderte sich und sagte:
"Also ich an Deiner Stelle würde diesen verkrüppelten Welpen nicht nehmen. Der wird nie ganz gesund. Aber wenn du ihn unbedingt haben willst, dann schenke ich ihn dir!"
Der Junge  blickte dem Mann fest in die Augen und erwiderte: "Ich möchte ihn nicht geschenkt haben! Dieser kleine Hund ist jeden Cent wert, genauso wie die anderen auch! Ich gebe Ihnen jetzt meine 19 Euro und 37 Cents und jede Woche werde ich Ihnen ein paar Euro bringen, bis er abbezahlt ist."

Verständnislos schüttelte der Ladenbesitzer den Kopf und redete auf den Jungen ein:
"Ich würde ihn wirklich nicht kaufen. Überleg es dir doch noch mal! Der wird nie in der Lage sein, mit dir zu spielen und herumzutoben wie die anderen. Was willst du mit ihm? Er wird dir keine Freude machen!"

Da zog der Junge sein linkes Hosenbein hoch und sichtbar wurde eine Metallschiene, die sein verkrüppeltes Bein stützte. Liebevoll blickte er zu dem Welpen hinüber und sagte: "Ach, das macht mir nichts aus! Ich kann auch nicht so gut laufen und dieser kleine Hund wird jemanden brauchen, der ihn versteht und trotz allem gern hat." 

Als der Ladenbesitzer das hörte, biss er sich beschämt auf seine Unterlippe. Er lächelte verlegen, atmete tief durch und sprach:
 "Mein Junge, ich hoffe und wünsche mir, dass jedes dieser Hundekinder einen solchen Besitzer bekommen wird wie dich! Und weil Du so ein gutes Herz hast, schenke ich Dir diesen Welpen zu Weihnachten, und das darfst Du mir nicht ausschlagen, hörst Du? Du wirst mir eine große Freude machen, wenn Du den kleinen Hund als Geschenk annimmst. Man soll doch gerade zu Weihnachten anderen etwas Gutes tun.“
Und so trottete ein dankbarer Junge mit seinem Geschenk auf dem Arm  nachhause. Er würde dem Welpen den Vornamen des Ladenbesitzers, nämlich Markus,  als Rufnamen geben, nahm er sich vor. Denn schließlich hatte er in dem Hundebesitzer einen Freund gewonnen. Nur wusste der davon noch nichts.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Adventskalender: 12. Dezember 2018


Der Tag, an dem der Engel fiel

von Dirk Becker

 
Martha hatte gerade die Suppe aus dem Kessel über dem Herdfeuer in die Terrine auf dem Tisch gefüllt, als Josh eintrat. „Mistwetter draußen“, brummte er und zog sich den Pelzmantel aus. Schnee hing noch im Kragen. In der Wärme der Stube wurde es zu Wasser, tröpfelte langsam aber stetig herab und versickerte in den staubigen Ritzen des Holzbodens. Es war Winter, einer dieser besonders harten, lang anhaltenden Winter.

Mit zusammen gezogenen Augenbrauen zog Josh einen Stuhl unter dem Tisch hervor und ließ sich darauf fallen. „Der Fuchs hat wieder zwei Hühner geholt, unsere beiden besten Legehennen“, murmelte er zwischen zwei Bissen Brot. Sein zahnloser Mund konnte die harte Kante nicht mehr kauen, deshalb behielt er es etwas länger im Mund, um es mit Speichel aufzuweichen und so besser schlucken zu können. „Unsere Katze hat Junge gekriegt“, sagte Martha und füllte seinen Teller mit der dampfenden Suppe. „Eines hatte drei Beine, das andere fünf. Ein drittes war ohne Kopf. Ich habe sie alle tot gemacht und hinter den Wall geworfen. Vielleicht hat der Fuchs damit erst einmal genug.“

Schweigend nahmen sie ihr Mahl ein. „Knut will einen Engel gesehen haben!“ Mit diesem Satz zwischen zwei Löffeln Suppe, die in dünnen Rinnsalen an seinem Kinn hinunter lief, unterbrach Josh das sprachlose Ritual der Mittagsstunde. Marthas Gesicht erstarrte unter dem zusammengebundenen Kopftuch, die Suppenkelle verharrte reglos über Joshs Teller. Sie starrte ihn an. „Wie – Engel? Was für einen Engel?“ „Nun“, Josh schlürfte weiter seine Suppe, „einen Engel halt. So was Weißes mit Flügeln und menschlichem Gesicht und einer ‚Aura’, wie Knut sagte. – Wie dieses Teil, das über Deinem Kreuz in der Stube hängt.“ Schreckensbleich saß Martha mehrere Minuten lang völlig bewegungslos auf ihrem Platz, die Kelle immer noch auf halbem Wege zwischen Mund Teller in der Zeit erstarrt. „Nun guck nicht so deppert“, knurrte Josh sie an. „Was ist denn schon dabei? Wird sich halt verflogen haben oder der Knut hat mal wieder einen zu viel über den Durst getrunken.“ Nach einer Weile setzte er hinzu: „Was mich bei seiner Alten nicht wundern würde!“

Der Nachmittag verlief wie gewohnt in schweigsamer Atmosphäre. Abends im Bett, kurz vor dem Einschlafen, wandte sich Martha noch einmal zu Josh hinüber. „Das war wirklich ein Engel? Ist Knut sich da ganz sicher?“ Josh zog sich genervt die Decke bis über beide Ohren und grummelte: „Was weiß ich? Jedenfalls hat er es behauptet. Wenn Du mir nicht glauben willst, frag ihn doch selbst. So, und jetzt will ich schlafen, mir tut mein Kreuz weh vom Holzhacken!“

Mit dem ersten Hahnenschrei war Josh aus dem Bett, schlurfte in den Stall, die Hühner füttern und den Schweinen die Reste vom Mittagsmahl in den Trog zu schütten, bevor er sich unter dem kalten Strahl der Hofpumpe wusch, seine Arbeitskleidung anzog und auf den Weg machte. Martha war nach ihm aufgestanden, hatte den Herd angefacht, den großen gusseisernen Kessel mit Wasser über die Feuerstelle gehängt und kniete sich danach in der Stube vor dem großen Kreuz über der alten Kommode nieder, um zu beten. „Lieber Herr Jesus Christ, unser Gott. Wenn Du uns einen Engel gesandt hast, um uns von unseren Sünden zu erlösen, so behüte ihn gut, denn die Menschen sind böse und erkennen deine Boten nicht!“

Beim Abendessen hatte Josh das Radio angestellt. Der Nachrichtensprecher verkündete gerade, dass sich das Vogelgrippe-Virus, dem schon unzähliges Federvieh zum Opfer gefallen war, mittlerweile über den gesamten nördlichen Landesbereich ausgebreitet hätte. Der Bezirksveterinär habe jetzt Stallpflicht für alles angeordnet, was nur irgendwie Flügel hätte, mit einem Schnabel besetzt sei oder eine dieser beiden Gruppen zum Fressen gern hätte – wie Hunde und Katzen beispielsweise. Martha dachte traurig an Katerle, der sich nun wohl schon einen Schlafplatz im Schuppen gesucht hatte. Kummerfalten furchten ihre Stirn. Mit griesgrämiger Miene schlürfte Josh die Suppe. „Abknallen!“, war sein einziger Kommentar an diesem Abend.

Am nächsten Morgen war Josh schon fort, als Martha aufwachte und ihre Tagesarbeit begann. Das Katerle hatte sie vorsichtshalber in den Schuppen gesperrt, ihm eine Schüssel mit Wasser und ausreichend Futter beigestellt und war ihm zum Abschied noch einmal tröstend über das Fell gefahren. „Dir soll keiner etwas tun! Sei froh, dass Du hier in Sicherheit bist. Die Jäger nehmen jetzt gar keine Rücksicht mehr und knallen alles ab, was sich nur irgendwie bewegt.“ Sie ging in die Stube, kniete vor dem Kreuz mit dem Jesus-Bild nieder und betete: „Lieber Herr Jesus Christ, unser Gott. Wenn Du uns einen Engel gesandt hast, dann lass ihn nicht über unsere Gegend fliegen. Schick ihn in die Wüste oder an die Pole, dorthin, wo keine Menschen leben. Hier mögen die Leute keine Engel. Ich verstehe, ... deine Schöpfung ist nicht immer perfekt, ... es ist nicht einfach, das Gute vom Bösen zu trennen, ... lass das doch die Engel nicht ausbaden, ... “

Mittags setzte der vom meteorologischen Institut vorausgesagte Wintersturm ein. Der Himmel verdunkelte sich. Glitzernde Flocken so groß wie Haselstrauchblätter trieben fast waagerecht durch die Luft. Später als sonst kam Josh zum Essen. Er sah aus wie ein Schneemann, über und über mit einer weißen Schicht bedeckt. In der Wärme der Stube taute diese schnell weg und hinterließ dunkle Flecken auf dem Boden. „Ich glaube, er hat ihn.“ Martha sah in verdutzt an. „Wen?“  Josh warf einen abschätzigen Blick in die Schüssel und griff zum Löffel. „Schon wieder Kohlsuppe?“ Etwas lauter als gewöhnlich sagte Martha: „Sei froh, dass Du überhaupt etwas zu Essen bekommst. Unsere Vorräte sind bedenklich geschrumpft. Wenn nur endlich der Frühling kommen würde. Aber wer hat denn nun wen oder was?“ Missmutig würgte Josh an einem Kohlstrunk herum. „Der Knut“, murmelte er zwischen zwei Kauvorgängen, „der hat den Engel abgeknallt.“ Martha blieb ein Stück Kohlblatt im Halse stecken. Sie schluckte. „Der Knut, der hat … der hat was?!“ Josh sah sie teilnahmslos an. „Der hat den Engel abgeknallt. Wegen der Vogelgrippe, sagt Knut. Da müsse alles vom Himmel geholt werden, was fliegt. Und unseren Kater hat er gleich mit erlegt. Saß auf einem Zaunpfahl, war vom Schneesturm ganz weiß, sah auch aus wie so ein flatterhaftes Engel-Tier.“ Mit einem Ausdruck ungläubigen Entsetzens stürzte Martha zur Haustür hinaus und kämpfte sich gegen die Gewalt des Orkans zum Schuppen durch. Die Tür war verriegelt. Sie öffnete das Schloss, trat in den halbdunklen Raum. Katerle war nicht da. Er wäre sonst sofort angeschnurrt gekommen, um ihre Beine gestrichen, in der Hoffnung auf Futter und liebevolle Zuwendung. In der hinteren Stallecke war ein Brett lose. Es hing nach unten, klapperte im Wind und gab eine Öffnung frei, groß genug, dass eine Katze dort hindurch schlüpfen konnte. Martha sank auf die Knie und ließ ihren Tränen freien Lauf. „Katerle“, murmelte sie. „Und der Engel. Welche Sünde! “

Auf dem Brachfeld hinter dem Fichtenhain: Über und über mit weißen Federn bedeckt und im Schneegestöber kaum zu erkennen, lag ein Wesen, das die doppelte Größe eines Schwanes aufwies, wie ein abgestürztes Flugzeug auf dem gefrorenen Boden - mit kreuzweise ausgebreiteten Flügeln. Den Rücken hatten Schrotkugeln weit aufgerissen. Leuchtend rote Rinnsale flossen vom Körper weg in eine kleine Senke, bildeten auf ihrem Weg bizarre Muster. Der Wind ließ lange, goldene Haare chimärenhaft im diffusen Abendlicht tänzeln. Früher als sonst überzog die Nacht wie ein dunkles Tuch die Welt.