Meine
Familie in Eggesin konnte ich am Telefon lange nicht beruhigen. Heiligabend mit
Bescherung der Kinder ohne Ehemann und Vater war für meine Lieben einfach
unvorstellbar. Aber schließlich fügte sie sich.
Weihnachtsengel von Eggesin
(eine wahre Geschichte)
Der 24.
Dezember 2010
war angebrochen und ich hatte meine Familie darüber informieren müssen, dass
ich von meinem Dienst im Krankenhaus Ueckermünde erst spät am Heiligabend nach
hause kommen könnte.
Für
den Heimweg nach Dienstende hatte ich eine wenig befahrene Nebenstraße gewählt.
Während ich mir die Szenen der Wiedersehensfreude ausmalte, kam Nebel auf. Erst
zogen einige milchige Schwaden über die Straße, die sich dann aber immer mehr
verdichteten. Bald war im Schein-werferlicht nur noch eine matt brleuchtete
graue Suppe wahrzunehmen.
Ich
drosselte die Geschwindigkeit, schaltete Nebelschweinwerfer und Schlussleuchte
samt Warnblinkanalage ein und schlich mit 30 Stunden-kilometern vorwärts. Ich
kannte die Strecke gut. Eine gut ausgebaute Nebenstraße, die über eine schmale
Brücke führte, die kurz vor Eggesin das Flüsschen Uecker überquerte.
Wenn
ich diese erreicht hatte, waren es nur noch wenige Minuten bis zu unserem
Einfamilienhaus am Rande des Ortes.
Angestrengt
schaute ich durch die Frontscheibe nach vorne, während der Wagen dicht am
Mittelstreifen der Fahrbahn seinen Weg durch den immer dichter gewordenen Nebel
suchte.
Ziemlich
am Ende des Scheinwerferkegels im Übergang zur Nebelfront glaubte ich für einen
Moment eine schemenhafte Gestalt gesehen zu haben, die etwas rot Leuchtendes in
der Luft schwenkte. Ich konnte das Entdeckte zunächst nicht genau erkennen,
aber nach und nach wurden die schemen-haften Umrisse eines großen Menschen sichtbar, der einen
langen Mantel trug und mit seinem rechten Arm eine rote Laterne hin und her
bewegte.
Das
musste eine Warnung sein, schoss es mir durch den Kopf. Vielleicht hatte es
einen Unfall gegeben oder ein Reh war angefahren worden. Aber das würde ich ja
gleich von dem im Nebel unheimlich wirkenden Wesen erfahren. Ich war Arzt und
konnte mit meinem immer mitgeführten Notfallkoffer zumindest eine
Erstversorgung von Verletzten leisten.
Ich
hielt den Wagen, dessen Scheinwerfer die graue Nebelwand vergeblich zu
durchdringen suchten, am Straßenrand an. Doch die Gestalt war wie vom Erdboden
verschwunden.
Hatte
sie sich im Nebel aufgelöst? Ich öffnete die Fahrertür und stieg aus. Plötzlich
vernahm ich das Gurgeln und Tosen von Wasserstrudeln. Die Uecker konnte also
nicht weit sein. Ich erinnerte mich an Zeitungsberichte, denen zu Folge heftige
Regenfälle in den vergangen Tagen zum Anschwellen von Bächen und Flüssen
geführt hatten.
Das
musste der Grund dafür sein, dass auch der Pegel des Flüsschens Uecker
angestiegen war und nun seine Wasserfracht mit Getöse bis zum Stettiner Haff
transportierte.
Ich machte ein paar Schritte
vorwärts. Der Nebel hatte sich in den vergangenen
Minuten weiter gelichtet, nur
einzelne milchig gefärbte Fetzen zogen noch über die Straße.
Wo
war die Brücke? Ich konnte sie nicht erkennen. Vor mir sah ich nur die dunklen
Wassermassen der Uecker, die zu einem breiten Fluss angeschwollen war. Ich
spürte, wie meine Beine zu zittern begannen und mich ein heftiger Schwindel
erfasste.
Die
Straße vor mir endete im Nichts. Aus einem Mauerwerk, das wohl Teil eines
Brückenpfeilers gewesen war, ragte ein seltsam gebogenen Stück Geländer in den
Nachthimmel. Undeutlich erkannte ich einen weiteren Brückenpfeiler, der aber
keinen Brückenbogen mehr trug. Das graue Wasser schob sich mit lärmendem Getöse
an mir vorbei. Die Brücke musste es fortgerissen haben, fuhr es mir siedend
heiß durch den Körper.
Nur
langsam ebbten Beinschwäche und das Schwindelgefühl wieder ab.
Mir
wurde klar, dass ich bei meiner Weiterfahrt mit dem Auto um ein Haar hier ins
Wasser gestürzt und von den Fluten fortgespült worden wäre, wenn mich nicht
diese geheimnisvolle Gestalt mit seinem roten Laternenlicht gewarnt hätte.
Dieses Bild vor meinen Augen ließ mich einfach nicht los.
Ein
Schutzengel musste mich vor dem Schlimmsten bewahrt haben. Aber wo war die
Gestalt, die mich mit einem roten Laternenlicht vor dem Weiterfahren gewarnt
hatte? Mühsam löste ich mich aus meinen Gedanken und rief mehrfach laut
"Hallo, ist da jemand?". Doch nichts rührte sich. Meine Suche blieb
vergeblich. Niemand war zu sehen oder antwortete auf mein Rufen.
Ich
konnte mir das Verschwinden nicht erklären. Eine optische Täuschung meiner
Sinne oder eine Illusion konnte ich ausschließen: zu deutlich war die mit der
Laterne winkende Gestalt im Scheinwerferlicht zu erkennen gewesen.
Der
Nebel hatte sich jetzt vollständig gelichtet. Ich stieg wieder in mein Fahrzeug
und informierte über mein Smartphone die Polizei über die weg gerissene Brücke.
Dann wendete ich, um auf der Hauptstrecke den Weg nach Haus zu nehmen.
Als
ich am späten Abend die Haustür aufschloss und in die erstaunten und erfreuten
Gesichter meiner Familie blickte, war all die Anspannung und der Schrecken über
das Erlebte vergessen.
Es
wurde ein schöner und harmonischer Weihnachtsabend, den ich in all den Jahren
zuvor noch nie so intensiv wahrgenommen hatte.
Erst
als wir die Kinder zu Bett gebracht hatten, erzählte ich meiner Frau mein
Erlebnis. Wir beschlossen, am nächsten Tag einen Ausflug zu der Stelle zu machen, wo ich meinen Wagen
wegen des Warnhinweises angehalten hatte.
Bald
standen wir vor dem gurgelnden Wasserstrom, sahen auf die Reste der Brücke und
fragten uns, wer mich da wohl gewarnt haben könnte. Aber wir konnten diese
Frage nicht beantworten.
Später
stellte ich Nachforschungen an, um
herauszufinden, wer mich am Heiligabend vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.
Doch niemand konnte mir einen entscheidenden Hinweis geben.
Und
so wurde diese schicksalshafte Begegnung mit meinem Schutzengel, der für mich
zu einem Weihnachtsengel wurde, ein
Bestandteil meines Lebens.
Manfred Kolb
22.11.2020